Es gibt Morgenstunden, in denen schlägt man die Augen auf, atmet die kühle Harzer Bergluft ein und spürt sofort: Hier trifft jahrhundertealte Geschichte auf pure Schaffensfreude! Genau so erging es uns, als wir unseren Stand für die Kunsthandwerkstatt FilzWerk im Herzen der UNESCO-Welterbestadt Goslar aufbauten. Um uns herum erwachte die Kaiserstadt langsam zum Leben, während die ersten Sonnenstrahlen das historische Pflaster erhellten und der mächtige Harzwald im Hintergrund seine eigene, bewegte Geschichte erzählte.
Direkt vor der beeindruckenden Kulisse des historischen Rathauses und im Schatten ehrwürdiger Denkmäler durften wir unsere handgefertigten Unikate aus Wolle präsentieren. Doch Goslar ist nicht nur Kulisse für Verkaufsstände – es ist ein lebendiger Zeuge der deutschen Industriegeschichte und des Wandels. Von den tiefen Bergbaustollen, die einst Unmengen an Holz verschlangen und das Gesicht der Landschaft prägten, bis hin zu den jahrhundertealten Hospitälern wie dem Großen Heiligen Kreuz, in denen früher Arme gepflegt wurden und heute Glaskünstler, Lederhandwerker und Textilgestalter wirken.
Begleite uns auf eine Reise von den Anfängen des Bergbaus und dem Schicksal des Harzer Waldes über die faszinierenden Hallen Goslars und Lübecks bis hin zur Magie traditioneller Filzkunst. Entdecke, warum Handwerk, Naturresilienzen und historisches Erbe untrennbar miteinander verwoben sind!
Inhaltsverzeichnis
- 1. Vom hölzernen Zeitalter zum Waldsterben: Die Realität des Harzes
- 2. Neue Konzepte im Wald: Resiliente Mischwälder und natürliche Sukzession
- 3. Das Große Heilige Kreuz in Goslar: Barmherzigkeit seit 1254
- 4. Lebendige Kultur im Denkmal: Ein Blick in die Werkstätten von Kammer 12 & Co.
- 5. Das Heiligen-Geist-Hospital Lübeck: Ein „Buch aus Backstein“ als Zeichen der Macht
- 6. Handwerk und Nachhaltigkeit: Warum Wolle und Naturresilienz zusammengehören
Das Wichtigste zuerst / Fazit und Zusammenfassung:
Der Kunsthandwerkermarkt in Goslar verbindet lebendige Handwerkskunst mit einer vielschichtigen Geschichte. Der Harz wendet sich nach Jahrhunderten des Bergbaus – der einst vom Laubwald zur Fichtenmonokultur führte und heute unter einem massiven Fichtensterben (ca. 75 % Verlust) leidet – wieder resilienten Mischwäldern und natürlicher Sukzession zu. Gleichzeitig zeigen historische Baudenkmäler wie das Große Heilige Kreuz in Goslar (gegründet 1254) und das Heiligen-Geist-Hospital in Lübeck (gegründet 1227/1280), wie ehemalige Stätten der Armenpflege in lebendige Kulturräume verwandelt werden. Hier schauen Besucher Kunsthandwerkern beim Arbeiten über die Schulter – ein beispielhaftes Zusammenspiel aus Denkmalschutz, Tradition und nachhaltiger Kreativität.

1. Vom hölzernen Zeitalter zum Waldsterben: Die Realität des Harzes
Der unersättliche Hunger des Bergbaus:
Wer heute durch den Harz streift, blickt auf eine Landschaft im dramatischen Umbruch. Um zu verstehen, wie der Harzer Wald zu dem wurde, was er heute ist, muss man Jahrhunderte in die Geschichte zurückreisen. Der Erzbergbau am Rammelsberg und im gesamten Harz prägte die Region über Generationen. Doch Metallverhüttung und Schachtbau forderten einen enormen Preis: Unmengen an Grubenholz zur Sicherung der Stollen und riesige Mengen Holzkohle zum Schmelzen der Erze trieben den Holzbedarf in schwindelerregende Höhen.
Vom natürlichen Mischwald zur Fichten-Monokultur:
Ursprünglich war der Harz von dichten, artenreichen Buchen- und Eichenmischwäldern bedeckt. Um den immensen Holzbedarf des Bergbaus schnellstmöglich zu decken, entschied man sich für eine radikale Umgestaltung des Waldes: Die ertragreiche, schnell wachsende Fichte wurde flächendeckend angepflanzt. Aus einem bunten, widerstandsfähigen Ökosystem wurde über Jahrzehnte hinweg eine Monokultur. Die Fichte galt als der perfekte Baum des „hölzernen Zeitalters“ – ertragreich, gerade gewachsen und schnell verfügbar.
Der große Kollaps durch den Klimawandel:
Doch die Kehrseite dieser Monokulturen ließ nicht lange auf sich warten. Flachwurzler wie die Fichte sind extrem anfällig für Dürreperioden und Stürme. Durch die voranschreitende Erwärmung des Klimas und lang anhaltende Trockenzeiten gerieten die Bäume unter extremen Stress. Die Folge war eine beispiellose Massenvermehrung des Borkenkäfers. Die ernüchternde Bilanz der Gegenwart: Heute sind rund 75 % der Fichtenbestände im Harz abgestorben. Ausgedehnte Hochflächen zeigen die Narben dieses gewaltigen ökologischen Kollapses.
Früher brauchte man im Harz riesige Mengen Holz für den Bergbau. Deshalb pflanzte man fast nur Fichten, weil die schnell wachsen. Wegen der Hitze und der Trockenheit sind heute ungefähr 75 % dieser Fichten abgestorben. Die alte Monokultur hat den Klimawandel nicht überstanden.
2. Neue Konzepte im Wald: Resiliente Mischwälder und natürliche Sukzession
Die Antwort auf die Krise:
Das Absterben der alten Fichtenwälder ist zwar ein erschreckendes Bild, markiert aber gleichzeitig den Beginn einer faszinierenden Transformation. Die moderne Forstwissenschaft und der Nationalpark Harz setzen heute auf völlig neue Konzepte. Anstatt erneut auf monotone Plantagen zu setzen, vertraut man auf den Übergang zu resilienten Mischwäldern, die extremen Wetterereignissen viel besser standhalten können.
Die Kraft der natürlichen Sukzession:
Ein zentraler Baustein dieser Wiedergeburt ist die sogenannte natürliche Sukzession. Mutter Natur übernimmt selbst das Zepter: Wo alte Bäume fallen, entsteht Raum für neues Leben. Pionierbaumarten wie Birke, Eberesche, Salweide und Buche siedeln sich spontan an. Diese Artenvielfalt sorgt für tiefer verwurzelte Böden, bessere Wasserspeicherung und einen gesunden Humusaufbau. Der Wald von morgen wird nicht mehr vom Menschen auf Profit getrimmt, sondern darf wieder ein wildes, widerstandsfähiges Ökosystem werden.
Lernen aus der Geschichte für das Handwerk:
Dieser Wandel im Harzer Wald hält eine wertvolle Lektion für uns alle bereit: Monokulturen und Raubbau führen langfristig in die Sackgasse. Nur Vielfalt, Resilienz und der nachhaltige Umgang mit natürlichen Ressourcen garantieren Zukunftssicherheit. Genau diese Werte spiegeln sich auch im traditionellen Handwerk wider, wo Naturmaterialien mit Bedacht und Respekt verarbeitet werden.
Aus dem kranken Wald entsteht etwas Neues! Die Natur pflanzt sich jetzt selbst neu an mit Buchen, Birken und vielen anderen Bäumen. Dieser neue Mischwald ist viel stärker gegen Hitze und Sturm als die alten Fichten.

3. Das Große Heilige Kreuz in Goslar: Barmherzigkeit seit 1254
Gegründet als Stätte der Armenfürsorge:
Mitten in der Goslarer Altstadt ragt ein Gebäude heraus, das wie kaum ein zweites die Geschichte der Nächstenliebe verkörpert: Das Große Heilige Kreuz. Im Jahr 1254 als städtisches Hospital gegründet, öffnete es seine Pforten für die Schwächsten der mittelalterlichen Gesellschaft. Kranke, Arme, Waisen und erschöpfte Pilger fanden hier Schutz, Wärme und Verpflegung. Es war eine Zufluchtsstätte des christlichen Glaubens und der städtischen Fürsorge.
Vom Hospital zum Stift nach der Reformation:
Mit dem Einzug der Reformation wandelte sich die Funktion des Hauses: Das Große Heilige Kreuz wurde als Stift weitergeführt. Um den Bewohnern – den sogenannten Pfründnern – mehr Privatsphäre zu bieten, wurden im 17. Jahrhundert kleine Holzkabinen in die riesige Hallendäle eingebaut: die Pfründnerstübchen. In diesen gemütlichen Kammern verbrachten ältere Goslarer Bürger ihren Lebensabend unter dem schützenden Dach der gewaltigen Balkenkonstruktion.
Architektonische Ehrfurcht:
Wer die große Halle betritt, blickt auf eine beeindruckende Holzkunst. Die mächtigen Eichenbalken trotzen seit nahezu 800 Jahren der Zeit. Das Gebäude zeugt von der enormen handwerklichen Präzision der mittelalterlichen Zimmerleute. Es verbindet funktionale Armenfürsorge mit einer zeitlosen architektonischen Würde, die jeden Besucher sofort in ihren Bann zieht.
Das Große Heilige Kreuz wurde im Jahr 1254 gebaut. Damals bekamen dort arme und kranke Menschen Essen und ein Bett. Später wurden kleine Zimmer aus Holz hineingebaut, in denen alte Menschen wohnen konnten.
4. Lebendige Kultur im Denkmal: Ein Blick in die Werkstätten von Kammer 12 & Co.
Kein totes Museum – Kultur hautnah erleben:
Das Große Heilige Kreuz in Goslar ist keineswegs ein staubiges, totes Museum. Es ist ein weltweites Vorzeigeprojekt für „Lebendige Kultur im Denkmal“. Die ehemaligen Pfründnerstübchen entlang der Hallendäle sind heute mit neuem Leben gefüllt: Kunsthandwerker haben hier ihre Werkstätten und Verkaufsgalerien eingerichtet. Besucher flanieren durch die Halle und schauen den Meistern direkt „über die Schulter“, wodurch der handwerkliche Erschaffungsprozess zelebriert wird.
Die bunten Werkstätten der Meister:
Jedes Stübchen birgt seinen eigenen Zauber und zeigt höchste Handwerkskunst:
- Das Glasstudio: Über 40 Jahre Tradition zeichnen dieses Studio aus. Vor den staunenden Augen der Gäste werden glühende Glasunikate geformt und kunstvoll verarbeitet.
- Lederarbeiten in Kammer 12: In der Kammer 12 betreibt Norbert Egeling seine Werkstatt. Aus feinstem Leder fertigt der Meister aus dem Südharz langlebige Taschen, Gürtel und Accessoires in reiner Handarbeit.
- Textil & 3D Kreativmalerei: Anett Arndt verleiht den historischen Räumen mit 3D-Kreativmalerei und textilen Wohnaccessoires meisterhaften Glanz und lebendige Farben.
- Ebru Art Goslar: Die faszinierende Kunst des Marmorierens auf Wasser fasziniert Groß und Klein und zeigt, wie traditionelle Techniken aus aller Welt in Goslar ein Zuhause gefunden haben.
Die Symbiose von Ort und Werkstück:
Wenn wir mit der Kunsthandwerkstatt FilzWerk in Goslar zu Gast sind, spüren wir diese ganz besondere Energie. Wolle, Glas, Leder, Holz und Malerei ergänzen sich perfekt. Die Arbeit mit reiner Naturwolle fügt sich nahtlos in das Konzept nachhaltiger, handgemachter Lieblingsstücke ein.
In den kleinen Holzfenster-Zimmern arbeiten heute echte Künstler! Zum Beispiel Herr Egeling in Kammer 12, der tolle Ledersachen macht, oder die Glasbläser im Glasstudio. Man kann ihnen direkt beim Arbeiten zusehen.

5. Das Heiligen-Geist-Hospital Lübeck: Ein „Buch aus Backstein“ als Zeichen der Macht
Die Lübecker Parallele am Koberg:
Wer vom Harz gen Norden blickt, entdeckt eine faszinierende historische Parallele: Das Heiligen-Geist-Hospital in der Hansestadt Lübeck. Gegründet in den Jahren 1227 / 1280 (Neubau am Koberg) von wohlhabenden Kaufleuten und dem Rat der Stadt Lübeck, zählt es heute zu den bedeutendsten Monumentalbauten der Backsteingotik in Europa.
Ein politisches Statement in Backstein:
Die Gründung des Lübecker Hospitals war keineswegs nur ein reines Werk der Wohltätigkeit. Es war ein bewusst gestaltetes „Buch aus Backstein“ – ein karikativer Akt, der gezielt als Demonstration städtischen Selbstbewusstseins konzipiert wurde. Der aufstrebende Rat der Hanse zeigte damit Stärke gegenüber dem Bischof und dem Domkapitel. Man bewies eindrucksvoll: Die Bürger der Stadt sind in der Lage, eigenständig für das Wohl der Schwachen zu sorgen.
Schauplatz des berühmten Kunsthandwerkermarktes:
Genau wie in Goslar wurden auch im Heiligen-Geist-Hospital im Laufe der Jahrhunderte kleine Holzstübchen (Kabinen) in der riesigen Kirchenhalle errichtet. Heute findet dort zur Weihnachtszeit der weltbekannte Kunsthandwerkermarkt im Advent statt. Kunsthandwerker aus ganz Europa beziehen die historischen Kabinen – eine einzigartige Atmosphäre, die wie in Goslar das Erbe historischer Barmherzigkeit mit der Würde echter Handarbeit verbindet.
In Lübeck steht ein ganz ähnliches altes Haus aus roten Backsteinen: Das Heiligen-Geist-Hospital. Reiche Kaufleute haben es vor fast 800 Jahren gebaut. Heute findet dort jeden Winter ein berühmter Kunsthandwerkermarkt statt.
6. Handwerk und Nachhaltigkeit: Warum Wolle und Naturresilienz zusammengehören
Filzkunst im Dialog mit der Natur:
Wenn wir in unserer Kunsthandwerkstatt FilzWerk lose Schafwolle mit warmem Wasser und Seife in langlebige Filzstücke verwandeln, schließen wir den Kreis zu den Themen, die uns der Harzwald lehrt. Wolle ist ein nachwachsender, zu 100 % biologisch abbaubarer Rohstoff. Sie erfordert keine Monokulturen und belastet die Umwelt nicht.
Ein Gegenentwurf zur Wegwerfgesellschaft:
Die Begegnungen auf dem Kunsthandwerkermarkt Goslar zeigen: Die Menschen sehnen sich wieder nach Gegenständen mit Geschichte, Seele und Haltbarkeit. Ob es die mundgeblasenen Glasunikate aus dem Glasstudio, die robusten Lederwaren von Norbert Egeling, die 3D-Kreativmalerei von Anett Arndt oder unsere handgefilzten Hüte und Pantoffeln sind – jedes Stück steht für einen bewussten Konsum.
Unser Fazit aus Goslar:
Der Markt in Goslar hat uns tief inspiriert. Zwischen den historischen Mauern des Großen Heiligen Kreuzes, dem Rammelsberger Bergbauerbe und den neuen grünen Trieben im Harzwald wird spürbar: Echtes Handwerk vergeht nicht. Es passt sich an, stützt die Gemeinschaft und schenkt den Menschen Werte, auf die sie vertrauen können.
Filzen ist gut für die Umwelt, weil Schafwolle von selbst nachwächst. Wer handgemachte Dinge aus Filz, Leder oder Glas kauft, schont die Natur und behält ein Lieblingsstück für viele Jahre.
Möchtest du die Symbiose aus Denkmal und Handwerk selbst erleben?
Besuche das Große Heilige Kreuz in Goslar (ganzjährig geöffnet) oder plane einen Ausflug zum Kunsthandwerkermarkt im Heiligen-Geist-Hospital in Lübeck im Advent!
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